Wo sie ihre Wohnung hatten – Konfirmanden erinnern an Grötzinger Juden

Was unterschied die Juden von ihren christlichen Mitbürgern im Dorf? Dr. Peter Güß will zunächst nur negative Antworten auf diese Frage anbieten: „Weder Kleidung noch Aussehen, nicht Reichtum oder Armut waren Alleinstellungsmerkmale der Juden in Grötzingen. Und das gehässig überzeichnete Bild der Antisemiten, welches die Juden als krummbeinige, gebeugte Gestalten mit gewaltigen, gekrümmten Nasen vorführte, schon gar nicht. „Eigentlich waren es nur kaum spürbare Unterschiede in der Lebensweise, die Juden im dörflichen Leben von den Christen abgrenzte“, sagt der Historiker. Jetzt können 20 Grötzinger Konfirmanden in den Dialog mit eintreten, denn über die Synagoge, den Sabbat und das koschere Essen wissen sie Bescheid. Dr. Güß ergänzt ihr Wissen mit Besonderheiten aus der Geschichte des gemeinsamen Lebens in Grötzingen.
Vor dem ehemaligen Haus der jüdischen Tuchhändler Sinauer, neben der Gedenktafel für die Grötzinger Juden, nahm in der vergangenen Woche ein besonderer Weg durch Grötzingen seinen Anfang. Pfarrer Friedhelm Sauer und Gemeindediakonin Ulrike Aydt hatten im Rahmen der Vorbereitungen auf die Konfirmation 2015 eine Aktion vorbereitet, mit der sie das Gedenken an Ermordete und zu Tode gekommene jüdische Mitbürger wach halten wollen. Am vergangenen Mittwoch begleiteten Grötzinger Gedenkbuchautoren die Konfirmanden zu sieben „Stolpersteinen“, welche auf dem Gehweg vor der letzten frei gewählten Wohnung der später unter der Naziherrschaft zu Tode gekommenen Grötzinger Juden verlegt wurden. Während die jungen Leute die Messingsteine polierten und so die Namen wieder gut sichtbar machten, berichteten die Autoren vom Leben und den Schicksalen der Opfer des Faschismus. Der ehemalige Landtagsabgeordnete und Stadtrat Günter Fischer berichtete in der Bruchwaldstraße vom Schicksal seiner Grötzinger Familie Traub, der Großeltern und Tanten und schließlich dem der eigenen Mutter, Regina Traub, und des „arischen“ Vaters, der in Stalingrad verstarb. Dr. Güß führte zusätzlich eine Gruppe zu dem ab 1904 angelegten Friedhof der jüdischen Gemeinde am Liepoldsacker. Schließlich beendete eine Zusammenkunft an der Stele, dem Ort der ehemaligen Synagoge und der Wohnstätte des Gemeindedieners und Vorsängers Leopold Traub, den Weg junger Christen auf Spuren der Grötzinger Juden. „Wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen, ist es wohl“, stand in Hebräisch auf einer Marmortafel, welche an der Synagoge angebracht war. Sie wurde am 10. Oktober 1938, dem Tag nach der „Reichspogromnacht“ vom nationalsozialistischen Mob zerschlagen. Später wurde auch die Synagoge dem Erdboden gleich gemacht. Der Name „Synagogenstraße“ war damals schon längst der „Krumme Straße“ gewichen. Zur Vernichtung der Menschen, die sich diesem Ort verbunden fühlten, war es dann kein weiter Weg mehr. Aber ein unglaublich grausamer: über Gurs in Elend und Tod. Grötzinger Konfirmanden machten auf Steinen die Erinnerung an  Menschen und deren Schicksale wieder gut sichtbar.

Die stellvertretende Ortsvorsteherin Renate Weingärtner bedankte sich bei den Jugendlichen
für ihre Arbeit, die Grötzinger Geschichte und Schicksale sichtbar macht und dabei das Gedenken wach hält: Erinnerung aufpolieren!

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