Wo Himmel und Erde sich berühren

Die ganze Welt steht uns offen. Wir können in alle Gegenden der Welt reisen. Wir können Waren um den ganzen Globus austauschen. Wir erfahren in Windeseile, was am andern Ende der Welt sich gerade ereignet hat. Dieses Lebensgefühl hat uns bestimmt, auch ohne dass wir das grenzenlos hätten ausnutzen können und wollen. Wie gehen wir mit der Erfahrung der Enge um? Wie wäre es , wenn wir miteinander unsere Erfahrungen austauschen und uns Einblicke in unterschiedliche Formen der Bearbeitung geben könnten?

Hier eine erste kleine Erfahrung:

Eine Freundin aus der Kinderzeit unserer Kinder fragte mich vor einiger Zeit, ob ich nicht ihren weit über neunzig Jahre alten Vater gelegentlich besuchen könnte. Er lebt alleine in seinem einst selbstgebauten Haus am Berg. Seine Frau ist vor einiger Zeit gestorben. Die Kinder sind über alle Welt zerstreut. Er ist rüstig und versorgt sich selbst und werkelt das Nötigste in Haus und Garten. Aber seine Augen haben nachgelassen. Sein Horizont ist auf Haus und Garten begrenzt. Radio und Fernsehen bringen ihm die Nachrichten der weiten Welt ins Haus. Aber die Begegnungen mit Menschen sind selten und kostbar geworden.

Ich rufe bei ihm an, ob er sich über einen Besuch freuen würde. Mit einem strahlenden „Guten Morgen!“ kommt mir seine feste Stimme entgegen. Seitdem komme ich jede Woche zu ihm. Seine Tochter bat darum, ohne Mund-Nasen-Schutz zu kommen. Wir halten Abstand und sitzen im gut gelüfteten Zimmer am runden Esstisch einander gegenüber. Und er erzählt sein Leben. Und was für ein Leben! Ich vergesse die Zeit und muss mich ermahnen, sie nicht zu überziehen. Zum Glück können wir nach einer Woche fortsetzen. Sein unglaubliches Gedächtnis, aus dem er schöpft, wird genährt von Tagebüchern, die er zusammen mit seiner Frau über die Jahrzehnte eines langen Lebens fast ununterbrochen geführt und mit Bildern bereichert hat.

Die Weite eines reich beschenkten Lebens mit allen Höhen und Tiefen breiten sich aus. Die begrenzte Welt des alten Menschen wird weit und lässt den Blick schweifen und dabei den Sinn für das Wesentliche schärfen. Beglückt wandere ich jedes Mal den Berg hinunter und lerne, mit den Grenzen des Lebens besser umzugehen.

E.M.

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