Wieder Gelesen…

Albert Camus: Die Pest, in Coronazeiten wieder gelesen.

Zu Beginn der Coronaepidemie vor fast einem Jahr war zu hören, dass die Nachfrage nach Albert Camus‘ Roman: Die Pest,  stark gestiegen sei. Das kann ich gut nachvollziehen. Ich habe den Roman selbst noch einmal gelesen und war beeindruckt. Vor über 70 Jahren geschrieben, bietet er bemerkenswerte Parallelen zur heutigen Situation und bedenkenswerte Einsichten in menschliches Verhalten in Extremsituationen.

„Die Pest“ ist kein Thriller für ein sensationslüsternes Lesepublikum, sondern die nüchterne Chronik einer Epidemie, die zunächst vehement geleugnet wird, dann aber über ein Jahr dauert und in ihren Auswirkungen die gesamte Gesellschaft einer Stadt ergreift. Beim Lesen  drängen sich die Parallelen zur heutigen Situation geradezu auf: die hohen Infektionszahlen und Todesraten, das Leiden der Kranken, die Überlastung der medizinischen Einrichtungen, die Hilflosigkeit der Ärzte, die Versorgungsschwierigkeiten und die Vereinsamung der Bevölkerung, nachdem die Stadt von der Außenwelt abgeriegelt werden musste.

„Ich denke, in der jetzigen Zeit und mit den Erfahrungen der letzten Monate bietet der Roman Gelegenheit, über unsere Situation und über unsere eigene Einstellung nachzudenken.“

Camus kommt es aber nicht in erster Linie auf bedrückende Schilderungen an, sondern darauf, wie die Menschen mit der Situation umgehen. Das zeigt er am Beispiel von sieben Personen (alles Männer, leider!): Sie opfern sich auf, sind solidarisch, hilfsbereit, aber auch gleichgültig, egoistisch, auf ihren Vorteil bedacht, wenn sie von der Not ihrer Mitmenschen profitieren können.

Ich denke, in der jetzigen Zeit und mit den Erfahrungen der letzten Monate bietet der Roman Gelegenheit, über unsere Situation und über unsere eigene Einstellung nachzudenken. Lesen Sie den Roman selbst (wieder). Vielleicht ergibt sich ein Gedankenaustausch.

Friederike Horn, 4. Februar 2021

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