KU in Corona – KU 1939/40

Vielleicht liegt in der einen oder anderen Schublade eines evangelischen Haushaltes in Grötzingen noch ein solches „Lebensbuch“ – es lohnt sich, hineinzuschauen!

Mit großem Interesse habe ich gelesen, wie die derzeitigen Konfirmandinnen und Konfirmanden in dieser besonderen Zeit ihren Konfirmandenunterricht erleben. Dabei fiel mir ein spannendes, vor einigen Jahren geführtes Gespräch ein, das Frau Domke und ich mit einigen älteren Frauen im MLH bei einer Tasse Kaffee hatten. Wir sprachen über deren Konfirmandenzeit und ihre Konfirmation. Beim nächsten Treffen wurde ein „Lebensbuch“ mitgebracht, ein Begleitbuch der Konfirmandenzeit, sehr liebevoll und schön geführt, mit kleinen Bildchen versehen. Geschrieben ist es von Hand in einer altdeutschen Schrift mit roter und schwarzer Tinte (die roten Teile mussten auswendig gelernt werden), es ist ein schwarzes DIN-A5-Heft und enthält 180 gestaltete Seiten.

Dieses Heft war die Grundlage für den Konfi-Unterricht des Konfirmandenjahrganges 1939/1940 (des ersten Kriegskonfirmandenjahrganges). Es hat so gar nichts mit KU-online, Whiteboard und ZOOM-Meeting zu tun, die Fragestellungen und die Antworten waren anders, aber nicht weniger interessant. Ich möchte dieses „Lebensbuch“ vorstellen.

Zunächst kann man in dem Heft die Namen aller 27 Buben und 33 Mädchen mit Geburtsdatum lesen. Der Unterricht ging von Oktober 1939 bis März 1940, einmal pro Woche, 1,5 bis 2 Std. Pfarrer war der allseits beliebte Pfarrer Fuchs, er suchte auch den Konfirmandenspruch aus.

Dieses „Lebensbuch“ wurde kontrolliert und vom Pfarrer bewertet. Die heute 95-jährige ehemalige Konfirmandin beschreibt den Gottesdienst als verpflichtend mit einer genauen Sitzordnung: In der Kirche saßen die Mädchen rechts (teilweise sehe ich das heute noch so), hinter ihnen war eine Bank mit Türchen für die Pfarrersfamilie (Absicht?). Die Jungen saßen vorne links hinter den Kirchengemeinderäten – alles hatte seine Ordnung. Der Inhalt der Predigt war auch Thema des Unterrichts.

Die Schwerpunkte des Konfirmandenunterrichtes lagen wohl vor allem in der Festigung der Glaubensgrundsätze mithilfe des Auswendiglernens, zu diskutieren gab es da wenig. Nach Aussage unserer diesjährigen Konfis besprechen und diskutie-ren sie gerne „Theologisches“ und „denken über Dinge nach, über die man zuvor noch nie nachgedacht hat“.

Das „Lebensbuch“ war theologisch in zwei Teile gegliedert. In „Das feste Herz“ wird den Konfirmanden das „Rüstzeug“ für evangelische Christen mitgegeben. Es enthält Lieder, Psalmen, Gebete, Monats- und Jahreslosungen.

Der andere Teil erläutert die „7 Zeichen der Christenheit“, u.a. „Die lebendige Gemeinschaft der Christen untereinander“ oder „Die Heilige Taufe“. Hier gibt es auch kurze Beschreibungen der Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes und Informationen zu den „Evangelisten der Musik“ Bach und Händel. Etwas unmotiviert steht da auch ein Gedicht zum 30. Januar 1940, zwar ohne Verfasser, aber durchaus mit einer vaterländischen Aussage – es war Krieg.

Den Schluss des Heftes bilden Informationen über den Ablauf der Prüfung und die Einsegnung der Konfirmanden. Für die anschließende Familienfeier gab es eine Sonderregelung: Brüder und Väter, die schon Wehrdienst leisten mussten, bekamen zu diesem Anlass Heimaturlaub.

Vielleicht liegt in der einen oder anderen Schublade eines evangelischen Haushaltes in Grötzingen noch ein solches „Lebensbuch“ – es lohnt sich, hineinzuschauen!

Gudrun Schultze

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