Der Tod in Zeiten von Corona – eine Collage

Dienstag, 21. April 2020, am späten Abend. Markus Lanz moderiert im ZDF die x-te Talkrunde zur Corona-Krise. Im Studio der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, der Virologe Henrik Streeck aus Bonn sowie die Schriftstellerin und Philosophin Thea Dorn. Zunächst dreht sich das Gespräch um Schutzmasken, um neueste Studien zu Covid-19 und um Prognosen, wie man der Pandemie und der Folgen der Corona-Krise Herr werden kann. Schließlich kommt der Moderator auf Thea Dorns vielbeachteten Essay über die Einsamkeit der Sterbenden in den Zeiten von Corona zu sprechen, der in der Zeit vom 8. April erschienen war.

Das Gespräch entwickelt sich unvermutet zu einer Sternstunde im üblichen Talkshowbetrieb. Woraus können Menschen in der Corona-Krise noch Trost schöpfen, zumal die Sterbenden und ihre Angehörigen? Genau das ist ja die berühmte Eingangsfrage des Heidelberger Katechismus, den im Studio selbstverständlich niemand auf dem Schirm hat: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Thea Dorn bekennt offenherzig, sie sei kein gläubiger Mensch. Sie gehöre eher zu den „strukturell trostlosen Menschen“. Die Autorin legt nach: „Wir sind eine vom Glauben abgefallene Gesellschaft“, die nicht mehr an ein Paradies oder das ewige Leben glaubt.

Aber dann kommt es: Frau Dorn erzählt, wie sie in Hamburg auf dem Weg zum Studio an einer Kirche vorbeigekommen sei. Draußen hing ein großes Transparent mit einem Zitat aus einem der Paulusbriefe. „Und ich“, so die Philosophin, „hätte nicht gedacht, dass ich mal in einem Fernsehstudio sitzen würde und sagen werde: Der klügste Satz, den ich heute gehört habe, war ein Bibelzitat von Paulus! Und zwar stand da drauf: ‚Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit‘.“ Der Satz habe sie „in einer gewissen Weise umgehauen, weil ich den Eindruck habe, wir lassen uns im Augenblick massiv vom Geist der Furcht leiten und nicht vom Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Und ich glaube, dass das nicht gut ist, wenn die Gesellschaft anfängt, sich vom Geist der Furcht bestimmen zu lassen.“

Worte nicht etwa eines Bischofs oder einer Theologieprofessorin, sondern einer nicht gläubigen und „eher strukturell trostlosen“ Schriftstellerin.“ (Ulrich Körtner, Zeitzeichen 5-2020) Dieselbe Autorin hat gerade ein Buch unter dem Titel „Trost“ veröffentlich. In einem Interview berichtet sie in diesem Zusammenhang:

„Als meine Mutter 1908 an Krebs gestorben ist, war ich die letzten Tage und Stunden bei ihr. Als sie starb, konnte ich sie halten. Bis zu meinem Ende werde ich hoffen, dass sie dies als tröstlich empfunden hat. Wir rücken dem Tod mit hochtechnologisierter Medizin auf den Pelz, aber was wir mindestens ebenso dringend brauchen, sind Trost und körperliche Nähe. Erst in jener Nacht habe ich wirklich begriffen, was es bedeutet sterblich zu sein. Seither frage ich mich, wie es mir gelingen kann, mein Leben mit diesem Sterblichkeitsgefühl zu versöhnen, statt – wie es der Zeitgeist will – panisch vom Tod wegzuleben.“

SZ 6./7.2.2021, S.52

„Das eigentliche ethische Problem liegt aber darin, dass wir es trotz hoch entwickelter Medizin und ungeheuren moralischen Ansprüchen immer noch nicht geschafft haben, ein gesellschaftlich reifes und reflektiertes Verhältnis zu Krankheit und Sterben an sich zu entwickeln…

„Wir müssen als Gesellschaft wieder lernen, dass Krankheit und Sterben Teile unseres Lebens sind, und Verantwortung auch dafür tragen. Ansonsten wird das Leiden nur auf die nächste Generation übertragen und in anderer Form fortgesetzt.“ (Simon Kannenberg, Die Generationenkrise, in: IPG – Internationale Politik und Gesellschaft, IPG-Journal 25.01.2021)

Die Flucht zahlreicher heutiger Menschen in esoterische Tröstungsversuche zeigt, wie sehr gerade im Umgang mit dem Tod etwas fehlt, wenn die kollektiven Sinnkonstruktionen der traditionellen Religion wegbrechen. Die Aufgabe für eine Religiosität im 21. Jahrhundert besteht deshalb wohl auch darin, einen Weg zu finden, im Angesicht des Todes bei Trost zu bleiben.“ Stefan Seidel, Nach der Leere. Versuch über die Religiosität der Zukunft, München 2020: S. 28ff)

-Eckhart Marggraf

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