23.8.2020: Meditation Gebet

Rev. Eleanor B. McCormick: Meditation Lesung Lukas 18, 9-14 Gebet

Lesung Lk 18, 9-14 (Neue Genfer Übersetzung)
Jesus wandte sich nun an einige, die in ‘falschem’ Selbstvertrauen meinten, ‘in Gottes
Augen’ gerecht zu sein, und die deshalb für die anderen nur Verachtung übrig hatten. Er
erzählte ihnen folgendes Beispiel: 10 »Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu
beten; der eine war ein Pharisäer und der andere ein Zolleinnehmer. 11 Der Pharisäer
stellte sich selbstbewusst hin und betete: ›Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie
die übrigen Menschen – ich bin kein Räuber, kein Betrüger und kein Ehebrecher, und ich
bin auch nicht wie jener Zolleinnehmer dort. 12 Ich faste zwei Tage in der Woche und
gebe den Zehnten von allen meinen Einkünften.‹13 Der Zolleinnehmer dagegen blieb in
weitem Abstand stehen und wagte nicht einmal, aufzublicken. Er schlug sich an die
Brust und sagte: ›Gott, vergib mir sündigem Menschen meine Schuld!‹ 14 Ich sage euch:
Der Zolleinnehmer war ´in Gottes Augen` gerechtfertigt, als er nach Hause ging, der
Pharisäer jedoch nicht. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; aber
wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.«
Was genau ist Gebet? Wer erhört es? Warum tun wir es? Warum tun wir es nicht?
Warum fühlen wir uns bei einigen Gebeten unwohl, während andere uns einen Trost
bringen, der sich dem Verständnis entzieht? Als Kind wurde mir beigebracht, vor dem
Abendessen zu beten – ein Gebet, das mit ein paar einfachen, immer gleichen Worten
die Generationen meiner Familie verbindet. Ich lernte, zur Schlafenszeit dem Gebet
zuzuhören und dann meine eigenen Gebete zu sagen. Meine Gebete waren oft sehr
kontextbezogen und schmerzhaft ehrlich. Wie zum Beispiel ein Gebet für die Würmer im
Garten, oder dass die Schule wegen des vielen Schnees ausfallen sollte. Aber ich
erinnere mich daran, dass ich meine Gebete immer sagen konnte, ohne dafür beurteilt
zu werden. Während ich noch im Kindergarten war gab mir meine Patentante als
Geschenk ein Kissen, auf dem das Vater Unser eingestickt war. Und im Laufe der Zeit
hörte ich die Worte oft genug, um sie auswendig zu kennen. Könnt ihr euch an eure
ersten Erfahrungen mit dem Beten erinnern? Wer hat euch das Beten beigebracht? Was
haben sie euch vorgelebt?
Gebet war auch ein häufiges Thema im Kindergottesdienst und in der Sonntagsschule,
aber ich kann mich nicht daran erinnern dass ich damals schon den Text des heutigen
Evangeliums gehört hätte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir damals den Text nicht
gehört haben als Illustration oder Erklärung, wie wir zu beten hätten. Vielleicht habe ich
diese Geschichte als Kind einfach verpasst, aber heutzutage kann man sie leicht auf
Youtube suchen und Dutzende von Zeichentrick-Versionen genau dieser Geschichte
finden, die auf zwei einfache Wörter reduziert sind: „Sei bescheiden.“ Das heißt, das
Gebet soll demütig sein und die Art und Weise, wie wir unser Leben als Christ leben – ja,
auch das sollte demütig sein.
Die Parabel stellt den Pharisäer als schlechtes Beispiel dar (mit seiner
Selbstgerechtigkeit und seiner lange Liste von Tugenden), und den Zöllner als gutes
Beispiel (mit seiner Demut und seiner unerwarteten Reue). All das will uns sagen: Denk
nicht zu hoch von dir selbst wie dieser heuchlerische Pharisäer, sondern sei wie der
niedrige Zöllner. Dieses Gleichnis Jesu ist ziemlich kurz und bündig: der Pharisäer ist
schlecht, der Zöllner ist der gute. Aber – wie mein Professor des neuen Testaments oft
gesagt hat – die Sache ist die…Man muss bei diesen Gleichnisse immer aufpassen! Sie
sind knifflig. Gerade wenn man glaubt, ein Gleichnis verstanden zu haben … es wirklich
in den Griff bekommen zu haben. Genau dann ist es am besten, ein wenig zu zweifeln
und zu erkennen, dass wir – besonders im Fall der Jesus-Geschichte des Lukas –
erkennen sollten, dass Lukas der Meister der Umkehrungen (Umkehrungen, die uns zum
Nachdenken anregen) ist. Um es mit dem Neutestamentler David Lose zu sagen:
Das Gleichnis bei Lukas stellt uns eine Falle. Wir beschließen ziemlich schnell,
dass wir mehr wie der Zöllner als der Pharisäer sein wollen, aber sobald wir der
Versuchung erliegen, uns für eine Seite zu entscheiden, stellen wir uns
unausweichlich auf die Seite des Pharisäers. Jedes Mal, wenn wir eine Grenze
ziehen zwischen dem, der „drinnen“ ist, und dem, der „draußen“ ist, sagt dieses
Gleichnis, dass wir Gott auf der anderen Seite finden werden. So gelesen entzieht
sich das Gleichnis letztlich sogar seinem narrativen Rahmen und offenbart, dass
es ebenso wenig um Selbstgerechtigkeit und Demut geht wie um einen frommen
Pharisäer und verzweifelten Zöllner. Vielmehr geht es in diesem Gleichnis um
Gott: Gott, der allein das menschliche Herz beurteilen kann.
Wenn wir uns dessen bewusst werden, vergessen wir (wenn auch nur für einen
Augenblick) unsere von Menschen konstruierten Trennungen, unsere von Menschen
konstruierten Hierarchien und stehen vor Gott, wobei wir uns nur unserer eigenen
Bedürfnisse bewusst sind. Unseres Bedürfnisses, mit Gott im Gespräch zu sein. Wir
sind aufgerufen, die polemischen Karikaturen nicht mit der stärkeren Botschaft des
Gleichnisses zu verwechseln. Hören wir uns die Geschichte Jesu an und fragen wir uns:

Wie sollen wir zu einem unausweichlich barmherzigen Gott beten?

Die Realität ist, dass es so viele Möglichkeiten gibt, zu diesem barmherzigen Gott zu
beten, wie es Menschen gibt, die beten können. Und zu meiner Erleichterung erinnert
uns dieses Gleichnis daran, dass es beim Gebet nicht nur um uns geht. Im Gebet geht
es um Gott, und es geht um ein Gespräch, das wir mit Gott führen. Das bedeutet sicher
nicht, dass wir immer das bekommen, was wir erwarten oder erwartet haben. Und das
bedeutet auch nicht immer, dass jede Antwort ein “Ja” sein wird, aber es bedeutet, dass
wir auf eine bestimmte Art und Weise das bekommen, an dem es uns mangelt.
Das heißt die Möglichkeiten, wie man beten kann, sind meiner Definition nach
grenzenlos. Die Frage ist nicht: Wie sollen wir mehr wie der Zöllner beten? Die Frage ist
nicht: Wie können wir es vermeiden, wie der Pharisäer zu beten? Die Frage ist, wie wir
uns im Wissen darum, dass Gott unausweichlich barmherzig ist, nicht beten können.
Wie können wir nicht beten, wie können wir nicht singen?
In einem berühmten amerikanischen Volkslied fragt der amerikanische Baptistenpastor
Robert Wadsworth Lowry, wie er denn nicht singen könne – und ich denke, das Wort
Singen könnte leicht durch das Wort Beten ersetzt werden. Er schreibt:
My life flows on in endless song;
Above earth’s lamentation,
I hear the sweet , tho‘ far-off
hymn
That hails a new creation;
Thro‘ all the tumult and the strife
I hear the music ringing;
It finds an echo in my soul—
How can I keep from singing?
Mein Leben fließt in endlosem
Gesang
Hoch über der Erde Wehklage,
Ich höre die süße, weit entfernte
Hymne (humm-ne)
Die eine neue Schöpfung begrüßt;
Durch all den Tumult (too-moolt) und
alle Mühen
Höre ich die Musik erklingen
Sie findet ein Echo in meiner Seele.
Wie kann ich da nicht singen?

Ich hoffe, dass auch uns nichts davon abhalten kann, zu beten – sei es im Gesang, in
Worten oder in Taten. Während wir das letzte Musikstück des heutigen Gottesdienstes
hören, und darauf warten, die Kirche zu verlassen – halten wir den Stein, der uns
gegeben wurde. Dieser Stein kann etwas Schweres symbolisieren, das wir im Gebet zu
Gott tragen. Dieser Stein kann ein Gebet der Frustration oder ein Gebet für die nötige
Kraft symbolisieren. Wenn Sie das Kirche verlassen, lassen Sie diesen Gebetsstein in
das Taufbecken fallen. Denken Sie daran, dass dies der Brunnen der Gnade ist. Wenn
Sie den Stein loslassen, nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um sich an Ihre Taufe zu
erinnern – an den Moment, als Sie in Liebe gebadet und in Gottes Familie aufgenommen
wurden. Dies ist die erste von fünf Gebetsstationen, die heute Morgen in der Kirche
vorgestellt wurden. Es gibt keine bestimmte Reihenfolge. Alle sind herzlich dazu
eingeladen, aber niemand muss daran teilnehmen. An jeder Station – eine hinter der
Kirche, eine vor der Kirche, eine unter den Obstbäumen in der Nähe des
Gemeindehauses, und eine auf den Pflastersteinen vor dem Pfarrbüro – finden Sie eine
Anleitung. Dies ist eine Gelegenheit, allein und gemeinsam zu beten.

Gebete zum Mitnehmen:
Manchmal brauchen wir einfach nur ein Gebet. Auf den Karten, die quer durch den Garten ausgelegt sind, könntest du ein vertrautes Gebet finden oder ein neues oder unbekanntes Gebet entdecken, das zu dir spricht. Gehe durch den Garten, hebe ein Gebet auf. Vielleicht möchtest du alle Gebete lesen, und dann wieder zu einem Gebet zurückkehren, das dir besonders gefällt. Vielleicht suchst du dir ohne besonderen Grund ein Gebet aus. Nimm ein
Gebet mit und stecke es in deine Tasche, in deine Handtasche, oder klebe es vielleicht für die nächste Woche an den Badezimmerspiegel. Lass dich von dem Gebet, das du mitnimmst, durch die ganze Woche begleiten. (Wenn es für dich schwierig ist, über den Rasen zu gehen, lade jemanden ein, ein Gebet für dich auszusuchen)